Gespräch über "Um café com os poetas"

News: Radioausstrahlung am Do. 01.06.2017, 22.05 - BR Klassik, Horizonte. Info BR

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Francesco Fournier Facio im Oktober 2016:

"In meinen Werken, besonders in den Instrumentalstücken, möchte ich immer eine Geschichte erzählen. Das ist so, als würde man den Hörer bei der Hand nehmen und ihn zu dem Stück hinführen. Besonders bei zeitgenössischer Musik ist das sehr wichtig, denke ich, denn heutzutage ist die Gefahr sehr groß, in einem hermetischen Raum mit nur wenig Publikum zu bleiben.

Daher ist mein erstes Ziel, etwas zu schreiben, das jeden erreichen kann, egal ob gebildet oder nicht, erfahren mit dieser Art von Musik oder nicht.

Eine Geschichte zu erzählen, hilft in dieser Hinsicht sehr, denn wenn der Hörer sich erstmal orientieren kann, spielt der Stil, indem das Stück komponiert wurde, keine Rolle mehr, und so verliert zeitgenössische Musik die Anmutung von Kälte und Strenge, die leider viele Menschen mit ihr verbinden."



Wie haben die vier verschiedenen Dichter-Persönlichkeiten Deine Arbeit beeinflusst?

"Als ich damit begann, die Gedichte von Pessoa zu lesen, und auch die seiner Heteronyme, bemerkte ich, wie andersartig die unterschiedlichen Stile sind.

Ich bin nur ein Liebhaber von Lyrik, doch ich wollte die Gedichte darstellen nach dem Eindruck, den sie auf mich machten, ich wollte meiner Komposition keine formale oder stilistische Analyse der Gedichte zugrunde legen – es ging mir einzig um meine Empfindung, und das sollte nicht allzu akademisch gesehen werden.

Was mich am meisten verblüffte war, dass die drei Heteronyme, die ich ausgewählt habe, viel einförmiger sind, als die Stimme von Pessoa.

Das meine ich nicht herabsetzend, aber ich empfand den Stil viel uniformer und die Themen kehren immer wieder. 

Sie sind auch viel klarer umrissen, insoweit, als die meisten Gedichte nicht sehr viele unterschiedliche Interpretationen zuzulassen scheinen.

Auf der anderen Seite ist die Lyrik, die Pessoa unter seinem eigenen Namen schrieb, viel dunkler und mystischer, und berührt eine große Vielfalt unterschiedlicher Themen. Jede Zeile seiner Gedichte könnte Ausgangspunkt einer Diskussion sein, und das mag ich am meisten daran.

Wie dem auch sei, ich habe erkannt, wie Elemente aus den Gedichten der drei Heteronyme oft in Pessoas Lyrik auftauchen, dort aber weiter entwickelt wurden, und das macht die große Vielfalt und Doppeldeutigkeit von Pessoas Lyrik aus."

Welches ist Dein liebstes Heteronym?

"Die Antwort ist ziemlich klar, mein liebstes Heteronym ist eindeutig Pessoa, falls man ihn als Heteronym seiner selbst bezeichnen kann.

Was die anderen Heteronyme betrifft, mag ich Alvaro de Campos am liebsten

Wie jeder junge Komponist, bin ich noch dabei, meine eigene, unverwechselbare Stimme zu finden. Ich komponiere, neben der Musik, die ich für Konzerte schreibe, Musik für Solo-Klavier, die ich selbst spiele und aufnehme.

Ich schreibe gelegentlich auch Filmmusik, und ich spiele Klavier in Rock- und Jazzbands.

Auch wenn ich sehe, wie unterschiedlich die verschiedenen Arten von Komposition sind, ist doch jede von den anderen beeinflusst. In diesem Sinne verbindet mich sehr viel mit Pessoa. Ich finde es faszinierend, dass, anstatt die verschiedenen Stimmen seiner Jugend aufzugeben, er sie behielt, sie verbesserte und ihnen einen Namen, eine Biographie und eine Signatur gab.

Was ich also bei den ersten drei Sätzen versuchte, war, auf mono-stilistische Weise zu schreiben; auf Arten, die alle zu den verschiedenen Kompositionsmöglichkeiten gehörten, die ich für mich selbst erforschte, aber von denen jede doch sehr verschieden von den anderen war."

I - ÁLVARO

"Im ersten Satz habe ich versucht, die Möglichkeiten des Quartettklangs zu erkunden. Ich benutzte Material, in einer spannungsgeladenen, aggressiven Stimmung. Es schien mir passend für Álvaro de Campos, einen futuristischen Dichter, und ist im Stil heftig und melancholisch zugleich."

II - ALBERTO

"Im zweiten Satz verwendete ich weniger Material und entwickelte die Harmonien mehr als die Melodien, manchmal sogar mit den vier Stimmen des Quartetts in einer homophonischen Weise und versuchte so, Leiden und Nostalgie darstellen. Das bezieht sich auf Alberto Caerio, den Pessoa als den Meister aller Heteronyme beschrieb und dessen Poesie einen bukolischen und doch traurigen Ton hat."

III - RICARDO

"Im dritten Satz versuchte ich, einen heidnischen Tanz darzustellen, mit einem rhythmischen und melodischen Muster, das zwanghaft wiederholt wird, und einer einzelnen melodische Linie, die vielfältig und weit entwickelt ist. Das stellt Ricardo Reis dar, den heidnischen Dichter, der im ältesten Stil schreibt, fast horazisch, über die Götter, die Erde, die Freuden und Enttäuschungen des Lebens."

IV - FERNANDO

"Im vierten Satz schließlich, dem Pessoa-Satz, kombinierte ich alle Themen und Stile der vorhergehenden drei Sätze und orientierte mich dabei an Pessoas Schreiben ist."

Dein Stück ist für fünf Stimmen, Steichquartett und Oboe geschrieben. An wen hast Du bei der fünften Stimme gedacht?

"Bei der fünften Stimme stelle ich mir die alte Dame vor, die ich im Cafe gesehen hatte, wie sie sich mit der Statue von Pessoa unterhielt (ich habe es in der Einleitung beschrieben, und tatsächlich ist es genau so passiert!).

Die Persönlichkeit dieser Figur entwickelt sich auf der Grundlage dieser Idee: Zuerst kontrastiert sie mit dem Streichquartett, scheint ihm fast nicht zuzuhören, doch dann verbindet sie sich mit den Stimmen und endet von selbst. Aber es kann wirklich jeder sein, der sich auf den Dichter einlässt und ihm die Möglichkeit gibt, sich auszudrücken. Es könnte ein Freund, ich selbst könnte es sein, der ich versuche, seine Gedichte zu verstehen, es könnte tatsächlich jeder Leser sein. Die Interpretation überlasse ich den Hörer. Man sollte jedoch berücksichtigen, dass die Sätze die Vornamen der Dichter tragen  es ist also ein vertrautes, lebhaftes Gespräch."

© Francesco Fournier Facio/MAS 2016


Francesco Fournier Facio about "Um café com os poetas"

"In my pieces, especially when they are instrumental, I always like to tell a story, it's like taking the listener's hand and leading him into the piece. This is especially important in contemporary music, I believe, because in our time the risk of it staying a closed environment with a small public is very high.

Therefore, my first objective is always to write something that can be enjoyed by anyone, cultivated or not, used to this kind of music or not. Telling a story helps a lot in this regard, because once the listener knows where to look, the style of the piece doesn't matter anymore, so contemporary music loses this impression of coldness and rigidness that a lot of people unfortunately have."

How did the four different personalities influenced your work on the four movements?

"When I started reading the poems of Pessoa, along with the ones of his heteronyms, I noticed a big difference in the various styles. Being merely a lover of poetry, I wanted to represent them based on the impression that they gave me, and not on any formal or stylistic analysis of the poems, so what I am about to say regards me and my sensitivity only, and is not to be taken too seriously.

What struck me the most, was how the three heteronyms I chose are much more monotone than Pessoa. Of course I don't mean that in a bad way, but I felt like the style is very uniform (and unique, as in different from the ones of the other heteronyms), and the themes treated are often recurring. Also, they are well more defined, in the sense that most of the poems seem to lead to not many different possible interpretations.

On the other hand, the poetry that Pessoa wrote under his own name is much more obscure and mystical, and it tackles a vast variety of different subjects. Every line of his poetry could be subject to debate, and that's what I like most about it.

However, I could also see how elements of the other three heteronyms are often present in his poetry, although more developed, and united with the other ones, which gives Pessoa's poetry its great variety and ambiguity."

Did you have a favourite Pessoa-Figure?

"I think the answer is pretty clear from this paragraph: my favourite heteronym is definitely Pessoa, if we can consider him an heteronym himself. While if we only talk about actual heteronyms, I like Alvaro de Campos the best.

Like any young composer, I am still trying to find my own distinctive voice. In particular, together with the music I write for concerts, I write piano solo music which is thought for me to play and to record, and is much more melodic and easy-going; I also occasionally write soundtracks for short films; and I have played piano and keyboards in rock and jazz bands.

However I see how even though all this kinds of composition are different, each one of them is influenced by the other ones. In this way I can relate a lot with Pessoa, and I find it fascinating that instead of abandoning all the different voices he probably had in youth while still developing his poetic personality, he kept them, perfected them and gave them a name, a biography and a signature.

So what I tried to do when tackling the first three movements, was to write in ways that are more mono-stylistic, all belonging to the different possibilities of composing that I am exploring myself, but each one very distinct from the others.

I - ÁLVARO

"In the first one I tried to explore the possibilities of the sound of the quartet, and used more material while developing it less, with a generally tense, aggressive mood. It seemed fitting for Alvaro de Campos, who is a futurist poet, and has a style which is violent and melancholic at the same time."

II - ALBERTO

"In the second one I used less material, and developed the harmonies more than the melodies, sometimes even using the four voices of the quartet in a homophonic manner, trying to represent suffering and nostalgia. This is what I did for Alberto Caerio, whom Pessoa described as the master of all heteronyms, and whose poetry has a bucolic yet sad tone."

III - RICARDO

"In the third one I tried to represent a pagan dance, with a rhythmic and melodic pattern which is obsessively repeated, and a single melodic line which is varied and developed. This represents Ricardo Reis, the pagan poet who writes with the most ancient style, almost oratian, about the gods, the earth, the pleasures and deceptions of life."

IV - FERNANDO

"Finally, for the movement of Pessoa I combined all the themes and styles of the previous three movements, trying to do an operation similar to the one that is Pessoa's own self-signed writing.

As far as the fifth voice is concerned, I imagined it as the old lady I saw in the cafe, talking to the statue of Pessoa, as I say in the introduction (it is in fact a true story, I didn’t make it up!)."

Your piece is written for string quartet and oboe. Who is the fifth voice?

"The personality of this figure evolves based on this idea: at first, it's contrasting to the string quartet, almost not listening to it, then joins in with the four voices and ends by itself. But it can really be anybody who interacts with the poet, and gives him the opportunity to express himself. It could be a friend, it could be me trying to understand his poetry, it could be any reader actually. I leave this to the interpretation of the listener. Just bear in mind that the titles of the movements are only the first names of the poets, so I think of it as a familiar, engaged conversation."

© Francesco Fournier Facio/MAS 2016