Karl Weigl – Einige biografische Anmerkungen

Der Komponist Karl Weigl (1881-1949). [Bildnachweis: Österreichische Nationalbibliothek.]
Der Komponist Karl Weigl (1881-1949). [Bildnachweis: Österreichische Nationalbibliothek.]

Arnold Schönberg am 9. Juni 1904 an Arnold Rosé:

"Hochverehrter Herr Concertmeister. Ich möchte Ihnen heute noch auf das Allerwärmste einen jungen, hochbegabten Componisten anempfehlen: Herr Dr. Carl Weigl, der sich erlauben wird, sich Ihnen vorzustellen. Derselbe hat ein Streichquartett von ganz außerordentlichen Qualitäten componiert, das er Ihnen gerne zur Aufführung überreichen möchte. Ich halte dasselbe sowohl der Erfindung nach, als auch der unglaublich ernsten und gediegenen Arbeit nach für eine entschieden starke Talentprobe und bin überzeugt, dass es auch Ihnen gefallen wird. Eine Aufführung würde sich sicher rechtfertigen und sehr lohnen. Dr. Weigl ist übrigens derzeit auch Correpetitor in der Hof-Oper, also Ihnen vielleicht von daher bekannt. Ich empfehle mich Ihnen auf das Beste mit vorzüglicher Hochachtung Arnold Schönberg." [Used by permission of Belmont Music Publishers, Los Angeles]

Der Komponistenkollege, den Schönberg so lobte, war der am 6. Februar 1881 in Wien geborene Karl Ignaz Weigl. Bereits mit 15 Jahren, noch als Schüler, erhielt der musikalisch begabte Weigl Kompositionsunterricht bei Alexander Zemlinsky. 

Wiener Wahlverwandtschaften

Zemlinsky war nicht nur der Lehrer von Weigl, auch Arnold Schönberg hatte bei ihm Unterricht. Und Alma Schindler, die später nicht den in sie verliebten Zemlinsky, sondern den Hofoperndirektor Gustav Mahler heiratete. Wohingegen Schönberg sich mit Zemlinskys Schwester Mathilde vermählte. Und der Konzertmeister und Quartettprimarius Arnold Rosé heiratete Justine Mahler, eine Schwester von Gustav. Ebenso wie sein Bruder Eduard Rosé, der Emma Mahler heiratete, eine andere Schwester des großen Komponisten.

Auch Rudolf Stefan Hoffmann, später ein wichtiger Freund Weigls, hatte Privatstunden in Zemlinskys Wohnung in der Oberen Weißgerberstraße in Wien.

Studium, erste Anstellung, Frühwerk

Karl Weigl studierte nach dem Abitur Klavier und Komposition an der Universität Wien und am damaligen Konservatorium für Musik und darstellende Kunst der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. 1903 promovierte er bei Guido Adler, dem Lehrer unter anderem von Anton Webern und Egon Wellesz.

Von 1904 an wirkte Weigl zwei Jahre als Solokorrepetitor an der Wiener Hofoper unter dem Operndirektor Gustav Mahler, mit Arnold Rosé als Konzertmeister des Hofopernorchesters. Über diese Zeit sagte er viel später:

„Selbst heute halte ich die Jahre, in denen ich unter Gustav Mahler gearbeitet habe, für die lehrreichste Zeit meines Lebens.“ ["Erinnerungen an Gustav Mahler". Karl Weigl Foundation, www.karlweigl.org] 

Zwischen 1904 und 1909 komponierte Weigl zahlreiche Kammermusikwerke.

1904: "Ein Stelldichein" für hohe Stimme und Streichsextett. Ähnlich wie bei Arnold Schönbergs Sextett "Verklärte Nacht" ist die Textgrundlage auch bei "Ein Stelldichein" ein Gedicht von Richard Dehmel.

In rascher Folge dann:

1905/06: Streichquartett Nr. 1 c-Moll op. 20, das erst 1925 vom Kolbe-Quartett uraufgeführt wurde.

1906: Streichquartett Nr. 2 E-Dur mit Viola d’amour, Uraufführung 1920 mit dem Gottesmann-Quartett,

1907: Streichsextett d-Moll, das am 13. November 1907 im Bösendorfer Saal in Wien vom Rosé Quartett uraufgeführt wurde, mit Arnold Rosé, Paul Fischer, Anton Ruzitska, Friedrich Buxbaum, erweitert um Franz Jelinek (Viola) und den Komponisten und Solocellisten des Hofopernorchesters  Franz Schmidt. Das Streichsextett arbeitete Weigl später um in die  Rhapsodie für Streichorchester op. 30.

1909: Streichquartett Nr. 3 A-Dur op. 4, das Weigl "Meinem Lehrer Alexander von Zemlinsky" widmete und das 1910 vom Rosé-Quartett in der Besetzung Arnold Rosé, Paul Fischer (Violine), Anton Ruzitska (Viola), Anton Walter (Violoncello) uraufgeführt wurde. Für dieses Werk erhielt Weigl 1910 den Beethoven-Preis der Gesellschaft der Musikfreunde Wien.

Weigl wurde auch über Österreich hinaus bekannt. Am 28. Mai 1910 wurde im Großen Tonhallesaal in Zürich bei einem Konzert des Allgemeinen Deutschen Musikvereins (ADMV) seine 1. Symphonie E-Dur op. 5 uraufgeführt.

1910 war ein besonders glückliches Jahr, denn Weigl, der inzwischen bei dem Verlag Universal Edition unter Vertrag stand, heiratete im November die Sopranistin Elsa Pazeller, die er häufig bei Liederabenden begleitete. Elsa Pazeller setzte sich in ihren Programmen für die neuesten, zeitgenössischen Werke ein. So auch im Februar 1907, als sie mit einer weiteren Sängerin und zwei Sängern ein Konzert mit Liedern Arnold Schönbergs gestaltete. In einer Rezension des "Musikalischen Wochenblatts" Leipzig hieß es:

"Für die Aufführung im Ehrbarsaal waren die besten Kräfte aufgeboten. Als anscheinend von der Sache völlig überzeugte, warmblütig nachempfindende Sänger die Mitglieder der Hofoper Frau Theo[dora] Drill-Oridge, Anton Moser und Arthur Preuss, sowie eine stimmbegabte und talentvolle junge Kunstnovize Frl. Elsa Pazeller." [Eyts, Die Befreiung des Augenblicks: Schönbergs Skandalkonzerte 1907 und 1908]

Ein Jahr nach der Hochzeit kam die Tochter Maria zur Welt, die später in den USA eine bedeutende Kinderpsychologin wurde. Die Ehe von Karl Weigl und Elsa Pazeller wurde im Oktober 1913 geschieden.

Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, wurde Karl Weigl wegen starker Kurzsichtigkeit vom Frontdienst befreit und verbrachte die Kriegszeit mit Büroarbeiten. 

Erfolgreicher Lehrer und Komponist

Seinen Abscheu gegenüber dem Krieg brachte Weigl in seiner 1919–1922 komponierten 2. Symphonie zum Ausdruck. Der dritte Satz, „Pro Defunctis“, ist den Kriegsgefallenen gewidmet.

Karl Weigl arbeitete nach dem Krieg als Kompositionslehrer, er unterrichtete ab 1918 am Neuen Wiener Konservatorium Kontrapunkt und Komposition und gab Privatunterricht. 1928 wurde er zum Professor ernannt und trat ein Jahr später die Nachfolge von Hans Gál als Lektor für Harmonielehre, Kontrapunkt und Komposition am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Wien an. Diese Stelle hatte er bis 1933 inne. Darüber hinaus veranstaltete Weigl Sommerkurse in Salzburg an denen u. a. Hanns Eisler und Erich Wolfgang Korngold teilnahmen.

Aber auch als Komponist war er erfolgreich, so sehr sogar, dass er ab 1925 hauptsächlich vom Komponieren leben konnte.

Am 27. Dezember 1921 heiratete Karl Weigl seine ehemalige Schülerin Valerie (Vally) Pick und zog mit ihr in eine Wohnung im 3. Stock eines Hauses am Rudolfsplatz im 1. Wiener Bezirk.

Rudolfsplatz, Wien -  hier wohnten Karl und Vally Weigl. Es war Vally Weigls Elternhaus.
Rudolfsplatz, Wien - hier wohnten Karl und Vally Weigl. Es war Vally Weigls Elternhaus.

1926 kam der Sohn Wolfgang Johannes auf die Welt.

Weigl wurde als Pädagoge, Musiker und Komponist hoch geschätzt, seine Werke wurden häufig gespielt.

"Karl Weigls „Weltfeier" wurde in Meißen, Gotha und Altona aufgeführt. Dortmund und Hamburg stehen bevor. Die 1. Symphonie wurde in Meißen und Utrecht, das „Phantastische Intermezzo" in Königsberg und Münster gespielt und beifällig  aufgenommen." ["Musikblätter des Anbruch" Jg.08, 1926]

Weigls Stil

"Ich kenne Dr. Weigl seit mehr als 40 Jahren, aus einer Zeit, als wir beide noch ziemlich jung waren. Ich habe ihn immer als einen der besten Komponisten der älteren Generation betrachtet, einen derjenigen, die die ehrwürdige Wiener Tradition weiterführten. Er bewahrt die alte Kultur eines musikalischen Geistes, der eine der besten Eigenschaften der Wiener Kultur darstellt." [Used by permission of Belmont Music Publishers, Los Angeles]

Arnold Schönberg in einem Empfehlungsbrief für Karl Weigl vom 1. Juni 1938. [Im Original in Englisch, geschrieben an Dr. Rudolf Ganz, Chicago.]

Karl Weigl stand als Komponist in der Tradition des späten 19. Jahrhunderts. Er war ein unabhängiger Geist, technisch außerordentlich versiert, umfassend gebildet, der die Tradition von Komponisten wie Johannes Brahms weiterführte. Im Sinne des Bonmots von Gustav Mahler (nach Thomas Morus):

"Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche."

Weigls Freund, der Musiker, Komponist und Musikschriftsteller Rudolf Stephan Hoffmann schrieb 1928:

"Es ist merkwürdig, zu beobachten, dass sich in dem Wirrsal von Richtungen und Arten, die das Musikleben der Großstadt Wien aufweist, ein Abseitiger findet, der, selbstverständlich nicht unbeeinflusst von dem vielen Neuen und Bedeutenden um ihn herum, sich doch von suggestiven Lockungen der Mode bemerkenswert freihält, nicht aus epigonenhafter Verkalkung, vielmehr im Bewusstsein eines eigenen Charakters, der nach eigenem Gesetz zu entwickeln ist."

[Hoffmann, R. St.: “Musik im heutigen Oesterreich: Karl Weigl, der Wiener.” Königsberger Hartungsche Zeitung: Blätter für Musik 328, 14.07.1928.. Karl Weigl-Foundation, www.karlweigl.org/] 

"Zukunft dunkel"

Die "Machtergreifung" Hitlers im Januar 1933 stellte auch für Karl Weigl eine große Zäsur dar. Die Aufführungen seiner Werke wurden seltener, die Zensur machte es den Verlagen immer schwerer, seine Werke zu drucken. 1936 erschien um letzten Mal eine Komposition von ihm in Europa, das 5. Streichquartett.

Weigl musste den Lebensunterhalt für sich und seine Familie wieder mit Unterrichten bestreiten. Ende 1937 notierte er in seinem Tagebuch: „Zukunft dunkel“.

Am 12. März 1938 marschierten deutsche Truppen in Österreich ein und annektierten mit Hilfe österreichischer Nationalsozialisten die Republik, der "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich .

Die Bedrohung wurde für die Weigls sofort spürbar: Vally Weigls ein Jahr jüngere Schwester Käthe, war Sozialdemokratin, Wissenschaftlerin und verheiratet mit dem sozialdemokratischen Politiker Otto Leichter.

Während es Otto Leichter und den beiden Söhnen im März 1938 gelang, ins Ausland zu flüchten, wurde  Käthe Leichter am 30. Mai 1938 von der Gestapo festgenommen. Sie wurde ins KZ Ravensbrück deportiert und im März 1942 in der NS-Tötungsanstalt Bernburg mit Giftgas ermordet.

"Entartete Musik" 

Im Mai 1938 dokumentierte die Ausstellung "Entartete Musik", welch dunkle Zeit für Musiker und Komponisten angebrochen war.

Die Ausstellung fand zu den Reichsmusiktagen in Düsseldorf statt. Jüdische Komponisten wie Arnold Schönberg, Ernst Krenek, Kurt Weill, Hanns Eisler, Franz Schreker, Erwin Schulhoff und Ernst Toch wurden in hetzerisch-antisemitischer Weise diffamiert. Es traf aber auch Komponisten der neuen Musik, die nicht jüdischer Herkunft waren wie Igor Strawinsky, Alban Berg oder Anton Webern.

In seiner "Abrechnung" hetzte der für die Ausstellung verantwortliche Staatsrat Dr. Hans Severus Ziegler:

Flucht und Exil

Karl Weigl und seine Frau Vally beschlossen, in die USA zu emigrieren. Sie versuchten Unterstützer für ihre Flucht zu gewinnen, z.B. Arnold Schönberg, der bereits seit 1933 in den USA lebte und an Weigl schrieb:

"Lieber Weigl. ich glaube, ich brauche nicht zu sagen, wie gerne ich helfen möchte. (…) Amerika ist, was Stellungen anbelangt, heute das Land sehr begrenzter Möglichkeiten, denn hier herrscht, infolge der Arbeitslosigkeit, Brotneid, der sich ruhig dem in Wien heimischen an die Seite stellen lässt.

Manchem, z.B. Stiedry, ist es gelungen hieher zukommen ohne eine Position zu haben und dennoch sich eine zu schaffen. Das ist ein Wagnis zu dem niemand raten kann. Es glückt zu selten. Solltest du selbst eine Chance finden und eine Empfehlung von mir für nützlich halten, so bin ich selbstverständlich gerne bereit, alles zu tun." [Used by permission of Belmont Music Publishers, Los Angeles]

Die Familie Weigl schaffte es im September 1938, aus Österreich herauszukommen. Ihre Flucht verdankten sie unter anderem dem Internationalen Quäker-Center in Wien sowie einigen Bekannten, die sich für sie einsetzten.

So wie es Schönberg in seinem Brief angedeutet hatte, war die Lage für die europäischen Emigranten in den USA, vor allem aber für den fast sechzigjährigen Weigl, sehr schwer.

Erst zwei Jahre nach seiner Flucht in die USA erhielt Weigl von Herbst 1940 bis Frühjahr 1941 seine erste volle Stelle an der Hartt School of Music in Hartford / Connecticut. Es war eine Vertretung für einen Dozenten, der zum Militär eingezogen worden war. Von Herbst 1943 bis Frühjahr 1945 übernahm er eine Vertretung am Brooklyn College in New York. Ab Herbst 1945 arbeitete er für drei Jahre als Leiter der Theorieabteilung am Boston Conservatory. Er musste von New York nach Boston pendeln, was viel Zeit und viel Kraft kostete. 1943 erhielten Karl und Vally Weigl die amerikanische Staatsbürgerschaft.

Das harte Leben im Exil forderte seinen Tribut, mit Weigls Gesundheit ging es bergab. Am 11. August 1949 starb Karl Weigl mit 68 Jahren in New York, wenige Wochen, nachdem er sein 8. Streichquartett vollendet hatte.

Trotz der widrigen Umstände komponierte Karl Weigl in Amerika noch außerordentlich viel. In den elf Jahren  im Exil schrieb er unter anderem drei Streichquartette, Kammermusikwerke für Violine, Bratsche und Cello, und zwei Symphonien.

Vally Weigl überlebte ihren Mann um 33 Jahre und starb am 25 Dezember 1982 in New York im Alter von 88.

Werke von Karl Weigl (AUSWAHL )

6 Symphonien,

2 Klavierkonzerte (eines davon für die linke Hand für Paul Wittgenstein, der das Werk allerdings nicht aufführte),

1 Violinkonzert,

1 Cellokonzert.

Kammermusik: Klaviertrio, Streichsextett d-Moll, Streichquartette Nr. 1-8.

Die Kinderoper „Der Rattenfänger von Hameln“ (ein Märchenspiel in 4 Bildern nach einem Libretto von Rudolf Stephan Hoffmann und Helene Scheu-Riesz),

Lieder (darunter " Ein Stelldichein" für Sopran und Streichsextett, und Fünf Lieder für Sopran und Streichquartett).

Zu den zahlreichen bedeutenden Interpreten, die Weigls Werke aufführten, gehörten: das Busch-Quartett, Wilhelm Furtwängler, die Wiener Philharmoniker, George Szell, Mieczyslaw Horszowski, das Kolisch-Quartett und Elisabeth Schumann und das Rosé.

[Ausführliches Werkverzeichnis auf der Seite der Karl Weigl Foundation]

(© MAS)

Karl Weigl. [Bildnachweis: Karl Weigl-Foundation.]
Karl Weigl. [Bildnachweis: Karl Weigl-Foundation.]